Warum VO₂max überschätzt wird – die wahren Marker für Performance

Die VO₂max zeigt, wie groß dein „Motor“ ist. Ob du schnell und lange fahren kannst, entscheiden andere Systeme.
Einleitung: Die Zahl, die alle lieben – und falsch lesen
Die VO₂max steht auf Uhren, in Diagnostik-Protokollen und in unzähligen Social-Posts. Je höher, desto besser – lautet die intuitive Gleichung. Doch Leistung im Ausdauersport entsteht nicht aus einer Kennzahl, sondern aus einem integrierten System aus Herz-Kreislauf, Muskulatur, Energiestoffwechsel, Technik und Steuerungsfähigkeit. VO₂max ist wichtig – aber sie erzählt nur, wie viel Sauerstoff dein Körper maximal verarbeiten kann, nicht, wie effizient du ihn in Tempo, Watt oder Platzierungen umsetzt.

Was VO₂max wirklich misst
VO₂max beschreibt die maximale Sauerstoffaufnahme in Millilitern pro Minute und pro Kilogramm Körpergewicht. Physiologisch ist sie das Produkt aus Herzzeitvolumen (wie viel Blut das Herz pro Minute pumpt) und der arteriovenösen Sauerstoffdifferenz (wie viel O₂ die Muskulatur dem Blut entzieht). Ein hoher Wert impliziert ein starkes Herz, gute Blutoxygenierung und mitochondriale Verarbeitungskapazität.
Das ist die Kapazitätsgrenze des Systems – der „Deckel“ deines Sauerstoffumsatzes. Aber Wettkämpfe werden selten am Maximalpunkt entschieden. Sie werden dort entschieden, wo hohe, aber submaximale Lasten über Zeit stabil gehalten werden müssen.
Warum VO₂max alleine zu kurz greift
Zwei Athlet:innen mit identischer VO₂max können völlig unterschiedliche Zeiten laufen. Der Unterschied liegt in der Nutzung, nicht in der Aufnahme. Wer Sauerstoff effizienter in mechanische Leistung übersetzt, wer die Laktatproduktion kontrolliert und die Energiespeicher klug managt, ist im Rennen vorne. VO₂max ist damit mehr ein Marker für Potenzial als für abrufbare Leistung.
Hinzu kommt die Messsituation: Stufen- oder Rampentests unter Laborbedingungen sind Momentaufnahmen. Tagesform, Motivation, Protokoll und Abbruchkriterium beeinflussen das Ergebnis. Trainingserfolg lässt sich dort oft schlechter ablesen als in alltagsnahen, wiederholbaren Marker-Tests.

Die wahren Marker für Performance
Laktatschwelle (LT2) – der Punkt, an dem Leistung tragfähig wird
Die Laktatschwelle markiert die Intensität, an der die Netto-Laktatproduktion beginnt, den Abbau zu übersteigen. Praktisch bedeutet das: Oberhalb dieser Schwelle kippt das System schnell, unterhalb kann es Leistung über lange Zeit stabil halten. Die relative Position der Schwelle zur VO₂max ist entscheidend. Liegt LT2 bei 90 % der VO₂max statt bei 80 %, sind Tempo und Watt an der Schwelle deutlich höher – und damit auch deine realen Rennleistungen.
Training, das die Schwelle hebt (z. B. langere Tempoabschnitte, Sweet-Spot, kontrollierte Schwellenintervalle), verbessert deine Nutzungskapazität – oft stärker leistungstauglich als ein paar Punkte mehr VO₂max.
Ökonomie/Effizienz – wie teuer ist dein Tempo?
Ökonomie beschreibt, wie viel Sauerstoff bzw. Energie eine gegebene Geschwindigkeit kostet. Biomechanik, neuromuskuläre Koordination, Schrittfrequenz und -länge, muskuläre Steifigkeit (Stiffness) und technische Sauberkeit bestimmen den Preis pro Kilometer. Ein ökonomischer Läufer kann mit niedrigerer VO₂max schneller sein als ein ineffizienter mit höherem Wert. Technik-Drills, Hügelläufe, plyometrische Reize und gezielte Kraftarbeit verbessern diese Effizienz messbar.
Metabolische Flexibilität & Fatmax – intelligentes Energiemanagement
Metabolische Flexibilität ist die Fähigkeit, je nach Intensität zwischen Fett- und Kohlenhydratoxidation umzuschalten. Ein hoher Fatmax-Punkt (die Intensität, bei der die Fettoxidation maximal ist) konserviert Glykogen für Rennentscheidungen. Trainiert wird das durch ausreichendes Volumen in Zone 2, gelegentliches „train low“ (gezielte Einheiten mit niedriger Kohlenhydratverfügbarkeit) und kluge Makrosteuerung im Wochenverlauf. Entscheidend ist die Balance: Du willst nutzen, nicht verbrauchen.

Warum VO₂max-Tests falsche Sicherheit geben können
Statt auf einmalige Peak-Werte zu schauen, sind wiederholbare Submax-Tests oft aussagekräftiger: z. B. Herzfrequenz und Laktat bei standardisierten Geschwindigkeiten, 20-/40-min-Leistungstests, Critical-Speed/Power-Profile, oder die Entwicklung der Schwellenleistung über Wochen. Diese Marker bilden ab, wie dein System unter realistischen Bedingungen arbeitet – und wie es auf Training reagiert.
Vom Einzelwert zum System: Aufnahmekapazität, Nutzung, Steuerung
Leistung entsteht, wenn drei Ebenen zusammenspielen:
1) Aufnahmekapazität: VO₂max – wie viel Sauerstoff steht maximal zur Verfügung?
2) Nutzungskapazität: Laktatschwelle, Ökonomie – wie effizient wird er in Leistung übersetzt?
3) Steuerungskapazität: Energiemanagement, Pacing, Regeneration, mentale Kontrolle – wie stabil hältst du Druck über Zeit?
Viele Trainingspläne fokussieren Ebene 1, weil sie einfach zu kommunizieren ist. Elite-Programme priorisieren Ebene 2 und 3 – dort liegen die nachhaltigen Gewinne.
Training: So übersetzt du Theorie in Fortschritt
Schwelle anheben: 1–2 Einheiten/Woche im Tempo- bis Schwellenbereich, mit klarer Kontrolle (Atmung, HF, ggf. Laktat). Ziel: mehr Leistung unterhalb der Kippkante.
Ökonomie verbessern: Technikdrills, kurze Hügel, Strides, dosierte Plyometrics und gezieltes Krafttraining (Schwerpunkt Unterkörper und Rumpf-Stabilität). Ziel: gleicher Speed zu geringerem „Preis“.
Metabolik intelligent entwickeln: Solide Z2-Volumina, gelegentlich „train low“ in geeigneten Kontexten, und „compete high“ mit passender Kohlenhydratzufuhr (dazu folgt der separate Beitrag). Ziel: flexible, belastbare Energiebereitstellung.
Monitoring: Wiederholbare Protokolle statt Zahlenspiel: gleiche Strecke, gleiche Bedingungen, gleiche Messpunkte. Fortschritt ist, wenn du bei gleicher Last niedrigere physiologische Kosten hast – oder bei gleichen Kosten schneller bist.

Die mentale Seite: Zahlenfokus vs. Systemdenken
Zahlen sind attraktiv, weil sie leicht zu vergleichen sind. Doch echte Stärke liegt im System: Disziplin, Struktur, Klarheit im Pacing, konsequente Regeneration. Eine hohe VO₂max ist kein Ersatz für Selbstführung. Wer Fortschritt als Systemaufgabe versteht, wird stabiler – im Training wie im Wettkampf.
Fazit: VO₂max ist der Motor – Leistung ist das gesamte Fahrzeug
VO₂max definiert die Größe deines Motors. Gewonnen wird, wenn Antrieb, Getriebe, Fahrwerk und Aerodynamik zusammenspielen: Schwelle, Ökonomie, metabolische Flexibilität und Steuerung. Richte dein Training auf diese Systemleistung aus – und du wirst nicht nur höhere Peaks erreichen, sondern vor allem Druck über Zeit halten. Das ist Performance.
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Ausdauersport, Training
